Artikel erstellt am 07.10.2010

"Warum ich mich NICHT für Politik interessiere ..."

Die Autorin Beatrice von Weizsäcker stellte sich nach ihrer Lesung im ZAKK den Fragen von Youpod.

Leo Mayatepek: Sehr geehrte Frau von Weizsäcker, in einer Pressemitteilung heißt es, sie seien "der deutschen Politik überdrüssig". Was nervt Sie genau?

Beatrice von Weizsäcker: Was mir nicht gefällt, trifft es besser. Es ist das Parteieinsystem, das sehr starr ist. Die Parteien bestimmen zum Großteil unsere Politik. Der Wählereinfluss jenseits der Wahlen ist mir zu gering.

Mayatepek: Ist für Sie Desinteresse an der Politik und aktive Mitarbeit in der Politik ein Widerspruch?

von Weizsäcker: Ganz im Gegenteil. Ich unterscheide zwischen Politikverdrossenheit und Parteienverdrossenheit – das ist mir ganz wichtig. Eigentlich interessieren wir uns doch alle für Politik. Viele Menschen sind heutzutage zum Beispiel im Internet politisch aktiv. Diese Art der Mitarbeit ist parteiungebunden und trägt trotzdem – politisch und gesellschaftlich – einen wichtigen Teil bei.

Mayatepek: Was ist Politik für Sie?

von Weizsäcker: Politik fängt für mich da an, wo die Menschen sind. "Alles ist Politik. Jeder ist ein Politiker", heißt meine Devise in meinem Buch. Lassen Sie mich ein Beispiel des heutigen Abends nennen: die Diskussion, die wir im Anschluss an die Lesung hatten. Da hat sich eine Frau zu Wort gemeldet, die sagte, man könne doch sowieso nichts tun. Sie war politisch ziemlich frustriert. Dann sprach sie über das Abschmelzen der Pole und brachte ein gutes Beispiel dafür, was man machen kann. Und plötzlich diskutierten wir über die Folgen des Klimawandels. Na, was ist denn das anderes als Politik? Schon über solche Dinge zu reden, ist für mich politisch.

Mayatepek: Die Macht als Verbraucher wird häufig unterschätzt. Ist also bereits das "Zähneputzen" eine politische Aktion?

von Weizsäcker: Während des Zähneputzens höre ich immer Nachrichten. Insofern ist Zähneputzen politisch. Nein, im Ernst: Dass die Macht als Konsument vielen nicht bewusst ist, ist schade, aber eben auch eine Tatsache, die es zu ändern gilt.

Mayatepek: Sie kritisieren die Parteien. Soll die parlamentarische Demokratie abgeschafft werden oder was gilt es Ihrer Ansicht nach zu verändern?

von Weizsäcker: Die Parteien abzuschaffen, halte ich für absurd. Ich bin eine Verfechterin der Demokratie und unseres Grundgesetzes. Allerdings plädiere ich für einige Änderungen: Es sollte Volksabstimmungen auch auf Bundesebene geben. Dass dabei nicht über Dinge abgestimmt werden darf, die dem Grundgesetz widersprächen, versteht sich von selbst. Dennoch hätte der Wähler so Einfluss auch zwischen den Wahlen, was er jetzt nicht hat. Auch die Initiative des SPD-Vorsitzenden Sigmar Gabriel, demnächst Nicht-Parteimitglieder in der SPD verstärkt zu Wort kommen zu lassen, halte ich für richtig. Die Partei profitiert davon, die Wähler ebenfalls.

Mayatepek: Was halten Sie von Gregor Gysis (Die Linke) Idee, den Anteil der Nichtwähler durch leere Sitze im Parlament zu berücksichtigen und somit den Parteien einen Denkzettel zu verpassen?

von Weizsäcker: Der Ansatz des Gedankens ist interessant, zumal ich Herrn Gysi sehr schätze. In diesem Punkt jedoch kann ich ihm nicht ganz zustimmen. Eine "stille, abwesende Opposition" gefährdet keine Regierung. Die Demokratie braucht eine diskussionsfreudige Opposition. Wenn man Gysis Gedanken aber weiterdenkt und auch die Wahlkampfkostenerstattung entsprechend der Zahl der Nichtwähler senken würde, wäre das eine ziemliche Strafe für die Parteien, weil sie nicht genügend Wähler mobilisiert haben. Diesen Gedanken finde ich interessant.

Mayatepek: "Warum ich mich nicht für Politik interessiere ..." lautet der Titel Ihres Buches. Fühlen sich politisch desinteressierte Menschen dadurch nicht bestätigt?

von Weizsäcker: Die Provokation des Titels ist Absicht. Stellen Sie sich vor, ich hätte das Buch "Ich interessiere mich für Politik" genannt. Das Buch würde niemand kaufen. Ungewöhnliche Titel sind "Lockmittel". Das weiß jeder Journalist und Autor.

Mayatepek: Warum waren dann heute von den gut 60 Gästen nur zwei unter 30 Jahre? Ist das in anderen Städten anders?

von Weizsäcker: Ich kann verstehen, dass Jugendliche unter der Woche abends lieber andere Dinge tun, als eine Lesung zu besuchen. Das Format ist altmodisch, aber ich halte es nicht für überholt. Es geht nämlich auch anders: Bei Lesungen in Schulen habe ich die Erfahrung gemacht, dass das Format funktioniert. Die Schülerinnen und Schüler waren zwei Stunden lang ganz interessiert bei der Sache.

Mayatepek: Heute sind Sie ja vor allem in hochrangigen kirchlichen Gremien engagiert. Waren Sie als Tochter des ehemaligen Bundespräsidenten von Weizsäcker bereits in Ihrer Jugend politisch aktiv?

von Weizsäcker: Ich bin nicht Mitglied kirchlicher Gremien, sondern im Präsidium des Kirchentags. Das ist kein kirchliches Gremium, sondern ein Laiengremium. Aber zu Ihrer Frage: Nun ja, ich war Klassensprecherin, aber die politischen Jugendorganisationen haben mich nicht gereizt. Auch die Anti-Atomkraft-Bewegung ging an mir vorbei, nicht aber die großen Demonstrationen gegen die Nachrüstung. Mit der Vereinigung Deutschlands habe ich dann gewusst: Wir sind jetzt dran, meine Generation. Ich zog nach Berlin. Meine erste "politische" Erfahrung habe ich allerdings viel früher gemacht, als junge Studentin in einem Kibbuz in Israel. Hätte ich nicht mitgearbeitet, hätten die anderen mehr und schneller arbeiten müssen. Da wurde mir zum ersten Mal klar, dass ich Teil des Ganzen, dass selbst ich wichtig bin. Diese Art von Erfahrung kannte ich aus Deutschland nicht.

Mayatepek: Als Schülerin oder später als Studierende hat Sie also nichts am Bildungssystem gestört, sodass Sie auf die Idee gekommen wären, selbst aktiv zu werden?

von Weizsäcker: Unsere Generation war in der Hinsicht nicht so aktiv wie Ihre. Wenn ich Ihnen ein Beispiel geben darf: An meinem ersten Studientag in Hamburg ging der Professor die Reihen ab, zeigte auf uns und sagte: "Eins, zwei, Sie fallen durch. Eins, zwei, Sie fallen durch ..." Da war ich erst mal baff. In dem Moment war ich einfach nur froh, dass dieses "Sie fallen durch" nicht mich getroffen hatte. Bei einem Schüleraustausch in Amerika hat mich das große soziale Engagement an der Schule fasziniert. Dort ist das vollkommen normal. Und: Hätte es zu meiner Jugendzeit einen Jugendrat wie in Düsseldorf gegeben, vielleicht hätte ich kandidiert.

Mayatepek: Als Buchautorin sind Sie politisch aktiv – keine Frage. Aber wann waren Sie denn zuletzt so richtig "mit Hand und Fuß" demonstrieren?

von Weizsäcker: Die letzte Demonstration, an der ich teilgenommen habe, war nach dem 11. September 2001. Es war eine spontane Solidaritätskundgebung für die USA, was man heute natürlich differenzierter betrachten würde. Die Stille vor dem Brandenburger Tor werde ich nie vergessen. Seitdem war ich nicht mehr auf einer Demonstration. Meine Art der politischen Einmischung besteht aus Worten, in Büchern, Artikeln oder in Interviews – wie jetzt – ganz egal, ob in der Zeitung, im Radio, im Fernsehen oder online.

Mayatepek: Was haben Sie speziell uns jungen Menschen mit auf den Weg zu geben?

von Weizsäcker: Es gibt so viele Möglichkeiten, sich politisch zu äußern, sich einzumischen und zu engagieren. Tun Sie es! Das Internet zum Beispiel bietet die besten Gelegenheiten. Das Jugendinternetportal "Youpod" finde ich beispielhaft. Diese Art der Kommunikation gab es in meiner Jugend nicht. Ich hatte zwar die Chance, einen Leserbrief zu schreiben. Der wurde dann aber entweder gar nicht oder erst Wochen später veröffentlicht. Die heutige Jugend kann hingegen ganz unmittelbar über das Internet an Diskussionen teilnehmen. Ich finde das toll. Einen eigenen Blog möchte ich aber nicht schreiben. Ich hätte gar nicht die Zeit, mich täglich online zu äußern. Ich lese allerdings viele Blogs.

Mayatepek: Am 28. Oktober 2010 tagt der Düsseldorfer Jugendrat. Sind Sie dabei?

von Weizsäcker: Die Arbeit des Düsseldorfer Jugendrates finde ich sehr gut, sie interessiert mich. Wenn es mein Terminkalender zulässt, wäre ich gerne dabei. Aber ich will keine falschen Hoffnungen wecken. Düsseldorf ist ziemlich weit weg von München.

Mayatepek: Vielen Dank für das Interview, Frau von Weizsäcker.

Das Interview führte Leo Mayatepek.

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Zur Person:
Beatrice von Weizsäcker ist Autorin und promovierte Juristin. Sie arbeitete viele Jahre als politische Redakteurin beim Berliner Tagesspiegel. Zuletzt erschien von ihr das Buch: "Die Unvollendete - Deutschland zwischen Einheit und Zweiheit" (Lübbe Verlag, September 2010). Weizsäcker ist Mitglied im Präsidium des Evangelischen Kirchentages und im Vorstand der Theodor-Heuss-Stiftung.

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Autor: leo

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